Die schönen Frauen von Hipana

„Die Frauen von Hipana sind schön. Viele von den jungen Männern kennen aber die alten Heiratsregeln nicht mehr, und ich finde, dass das eine Schande ist. Ich empfehle allen, die heute hier sitzen: Ein Huhuteni-Mann heiratet am besten imme eine Siusi-Frau! Aber diese jungen Männer reden lieber über die Mädchen aus dem eigenen Dorf, mit denen sie beim Bierfest tanzen. Um die Clanzugehörigkeit kümmert sich niemand mehr.“

Dzuliferi Huhuteni, Schamanenlehrling
Schminkvorbereitungen vor dem Tanzfest in Hipana
Der Fotograf Giorgio Palmera hat auf diesen Reisen umfangreiches Foto- und Filmmaterial aufgenommen. Medienorganisationen, die es benutzen wollen, können sich beim Verlag oder direkt bei Giorgio melden.

Wie die Kleider nach Hipana kamen

Als die ersten Missionare kamen, führten sie auch die Kleider ein. Ich glaube, dass die Patres irgendwo ein Lager voller Kleider hatten, jedenfalls brachten sie große Mengen Sachen zum Anziehen mit. Hier im Dorf wurden sie für jeden zurechtgenäht und passend gemacht. Sie brachten Kleider für Erwachsene und Kinder, in unterschiedlichen Farben, und am Ende bekam jeder von uns vier oder fünf Kleidungsstücke. Die Patres verkauften diese Kleider nicht, sondern alles wurde verschenkt. Also haben wir die Kleider sehr gemocht.

Es dauerte aber lange, bis wir die Kleider auch angezogen haben. Wir waren ja nicht daran gewöhnt. Vor allem mit den Hosen blieb es schwierig, und bis heute finden einige meiner Verwandten Hosen unbequem. Die Patres sagten, dass wir von nun an immer Hosen tragen sollten, und die meisten im Dorf stimmten ihnen zu. Unserer damaliger Häuptling, mein Großvater, war der gleichen Meinung wie die Missionare.

Ich erinnere mich noch daran, dass es gejuckt hat, Kleider zu tragen. Außerdem war es sehr warm. Hosen trocknen nicht gut, wenn man damit aus dem Wasser steigt. Deshalb haben wir in der ersten Zeit die Kleider wieder ausgezogen und auf den Boden geworfen. Aber wenn Pater José mit seinem Kanu zu uns kam, kontrollierte er streng die Kleiderfrage, und irgendwann gewöhnten wir uns daran. Nur mein Großvater, der Häuptling, hatte bis zum Ende keine Lust auf die Kleider. Als ich vielleicht zehn Jahre alt war, sagte er zu mit: „Verdammt noch mal, mein Enkel, dieser Pater José bringt uns ein besseres Leben, aber das ist etwas für euch junge Leute und nichts mehr für mich.“

Irgendwann haben die Patres ihm einen großen Bademantel mitgebracht, weil er ja der Häuptling war. So einen hatte sonst keiner im Dorf. Den Bademantel hat mein Großvater dann immer getragen, und an den Sonntagen, zum Gottesdienst in der Kapelle, zog er sich darunter sogar eine Hose an. Allmählich haben wir uns unserer alten Kleidung, der Gürtel mit der Unterhose dran, geschämt.

Dzuliferi Huhuteni, Schamanenlehrling

Auszug aus dem Buch „Der Sohn des Schamanen“

Sonntagsgottesdienst in Hipana (c) Giorgio Palmera
Kapelle in Hipana (c) Giorgio Palmera
Junge Frau bei der Kleiderwäsche in Hipana (c) Giorgio Palmera

Eine Drohne im Regenwald

Für die Kinder von Hipana gab überhaupt keinen Zweifel daran, was die größte Attraktion in ihrem Dorf geworden war: Giorgio Palmera, der Fotograf aus dem fernen Italien, mit seiner aufwändigen aber leider recht unberechenbaren Drohne. Giorgio stand meist schon um vier Uhr morgens auf, um das dunstige erste Sonnenlicht im Urwald einzufangen. Hinter ihm eine Kinderschar, die das Steuern des Geräts irgendwann gut hinbekam – die aber auch laufend über irgendwelche Bachläufe springen oder in irgendwelche Baumkronen klettern mussten, um die verlorengegangene Gerät wieder zurückzubringen. Der Einsatz hat sich aber gelohnt: Giorgio hat aus Hipana Aufnahmen mit einer ganz eigenen Magie mitgebracht.

Wer ist das, dieser brasilianische Staat?

Wenn brasilianische Soldaten nach Hipana kommen, werden die Leute deswegen nicht nervös. Wir sind doch alle aus dem gleichen Land. Am Militärposten von Tunuí kontrollieren sie unsere Boote, sie öffnen alle Kisten und schauen unter die Regenplanen. Sie halten ihre Waffen gezückt, und manchmal reden sie rau mit uns. Aber am Ende lassen sie uns immer passieren. Ist das so, weil wir Indigene sind? Ist es, weil wir Brasilianer sind?

Ein Armeeleutnant hat uns in Hipana mal eine Nationalflagge vorbeigebracht, und an manchen Tagen lässt Plinio sie vor der Schule hissen. Die Schüler stehen dann in Reihen da, die Hände an die Naht ihrer Badehosen gelegt, und singen die Nationalhymne.

In manchen Jahren kommen die Soldaten besonders häufig in unsere Dörfer, weil sie Goldschmuggler suchen oder Drogenhändler jagen. Jeder von uns weiß, wann die Drogenkuriere über die Flüsse fahren, meist tun sie das in der Nacht. Sie schlagen auch eigene Pfade durch den Wald und laufen um die Militärposten herum. Ich frage mich immer: „Wissen die Soldaten das nicht? Warum unternehmen sie nichts dagegen? Können sie sich nicht ein bisschen mehr anstrengen, um dieses Land Brasilien voranzubringen?“

Dzuliferi Huhuteni, Schamanenlehrling

Auszug aus dem Buch „Der Sohn des Schamanen“

São Gabriel da Cachoeira ist hier mit 40.000 Einwohnern die größte Stadt (c) Giorgio Palmera
Das „Zentrum der Welt“ verorten die Huhuteni aber in Hipana am Rio Ayari (c) Giorgio Palmera

Video: Ameisensammeln in Hipana

„Es ist einfach, die Ameisen zu sammeln. Du steckst ein Palmenblatt in ein Ameisenloch und ziehst es wieder heraus. Die Ameisen haken sich daran fest. Du kannst die Ameisen kochen oder sie für die Soße benutzen. Ihre Köpfe kannst du auch roh in den Mund stecken. Du beißt darauf, und der Kopf zerplatzt, den restlichen Körper drehst du mit den Fingern ab. Du verziehst dein Gesicht, aber persönlich finde ich, dass Ameisen ein guter Beitrag zur Ernährung mit Eiweißstoffen sind.“

Dzuliferi Huhuteni, Schamanenlehrling
Ameisensammeln in Hipana
Der Fotograf Giorgio Palmera hat auf diesen Reisen umfangreiches Foto- und Filmmaterial aufgenommen. Medienorganisationen, die es benutzen wollen, können sich beim Verlag oder direkt bei Giorgio melden.